Flirting With Disaster: Die beste Charakterkomödie, die Alexander Payne nie gedreht hat.
Dass David O. Russell noch einmal eine Rolle spielen würde im aktuellen Kinogeschehen, hätte man bis vor zwei Jahren angesichts des anhaltenden Desasters um sein 2008 begonnenes (und nie vollendetes) Projekt “Nailed” nicht für möglich gehalten; sechs Jahre zogen ins Land zwischen “I Heart Huckabees” und “The Fighter”, der für Russell kaum weniger bedeutete als eine triumphale Rückkehr: Kein herausragender Film vielleicht, aber einer, der Bände davon sprach, dass für Russell der oft bemühte, uramerikanische Topos vom tiefen Fall und anschließenden Wiederaufstehen kein Klischee ist, sondern ein Stück Lebensrealität.
Das ist es letztlich auch, was “The Fighter” und “Silver Linings” eint: Russell erzählt erneut davon, wie es ist, ganz unten angekommen zu sein und sich wieder aufrappeln zu müssen, erneut tut er dies auf die unsentimentalste denkbare Art und Weise, die im Rahmen des jeweiligen Genres – auf der einen Seite ein Boxerdrama, auf der anderen eine romantische Komödie – möglich scheint. Im Zentrum des Films steht der Mittdreißiger Pat, der, nachdem er in einem unkontrollierten Wutausbruch den Lover seiner Ehefrau krankenhausreif geprügelt hat, in eine psychiatrische Klinik eingewiesen wurde. Wieder auf freiem Fuß, trifft er Tiffany, die nach dem Tod ihres Mannes ebenfalls an Depressionen leidet und ihrer Umwelt vornehmlich mit Verachtung begegnet. Nach anfänglichen Reibereien schließen sie einen Pakt: Sie hilft ihm, seine Frau zurückzugewinnen, er stellt sich ihr als Tanzpartner zur Verfügung, um an einem internationalen Wettbewerb teilzunehmen.
Junge trifft Mädchen. Das ist im Grunde die Prämisse von Russells neuem Film, der formal all die Stationen durchläuft, die man anhand der Grundkonstellation erwarten würde, im Detail aber doch nie den Pfad einschlägt, der am nächsten liegt; der umso komischer ist, je bewusster er sich der Tragik seiner unglücksseligen Figuren wird, die er dennoch niemals bloßstellt; der selbst einen seit Jahren schwelenden Vater-Sohn-Konflikt unbeschadet übersteht. “Silver Linings” ist die beste Charakterkomödie, die Alexander Payne nie gedreht hat, die all jene Fallen mit Gusto umschifft, in die letzterer mit “The Descendants” so bereitwillig hineintappte, die trotz aller erzählerischer Leichtigkeit gerade dadurch der Banalität entgeht, dass sie keine großen Gesten macht, sondern schlicht auf ihr großartiges Ensemble vertraut, in dem ausgerechnet Bradley Cooper in ungeahnte Höhen vorstößt. Und am Schluss entladen sich all die aufgestauten Gefühle und Sehnsüchte in einem furiosen Tanz zu “Fell In Love With A Girl” von den White Stripes; besser kann man eine Geschichte wie diese kaum enden lassen.
